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Die kleine Liebe

 

Es war kalt draußen. Der Wind pfiff scharf durch die Gassen und wirbelte in kleinen Strudeln welke Blätter und winzige Flocken vom Pflaster herauf. Hier und da sah man bis zur Nasenspitze vermummte Gestalten über die Wege huschen, eiligen Schrittes und mit hochgezogenen Schultern. Kein Blick, der sich begegnete, kein Gruß, kein Winken. Nur das Fauchen und Wehen des Windes, in der Ferne unterbrochen vom Hufschlag schwerer Pferde und von Fensterläden, die immer wieder scheppernd an eine Hauswand schlugen.

Die Uhr am Kirchturm schlug halb sechs, als das kleine dunkle Bündel, das wie ein Paket alter Kleider am Wegesrand lag, sich bewegte. Erst rollte es ein wenig Richtung Rinnstein. Dann hob sich das eine Ende auf, fiel aber wieder herunter. Wie ein dicker, ungelenker Wurm richtete es sich nun am anderen Ende auf und schien zu sitzen. Es begann ein von gedämpften Lauten begleitetes Wühlen, was endlich ein paar Hände zum Vorschein brachte. Winzig waren sie, weiß, und auf einmal so flink, dass sie unter der dunklen Wolle Nase, Kinn, Stirn und Augen hervor pellten. Was waren das für Augen!

Fast verhangen war bis eben die Gasse von der hereinbrechenden Nacht, doch nun war es, als hätte jemand ein sanftes Licht darin entzündet. Eins von der Art, wie es an einem frühen, klaren Winterabend zu finden ist – ein zartes, rosa Leuchten, von dem die Leute manchmal sagen, die Engel im Himmel backen Plätzchen.Jetzt aber!“ hörte man das Bündel auf einmal sagen. „ Es wird Zeit“, rief es, während es eifrig damit fortfuhr, sich aus den Schichten der Kleider zu schälen, in die es so dick eingepackt war. Als es bis auf ein wollenes Kleid, Strümpfe, einen warmen Mantel, Schal, Mütze, Handschuhe und Stiefel alles abgelegt hatte, schnürte es aus seinen alten Hüllen ein Päckchen und marschierte los. Geradewegs die Gasse herunter. Inzwischen war kaum noch ein Mensch unterwegs. Die Straßen und Plätze schienen fast leergefegt. Ein struppiger Hund lief unserm Wesen entgegen, streunend, mit hungrigen Augen. Das Mädchen hockte sich hin, streichelte ihn, hielt ihn lachend und herzend bei den Ohren und holte aus ihrer Manteltasche einen festen Lebkuchen, welchen der Hund gierig zu fressen begann. Sie strich ihm noch einmal über Kopf und Rücken und ging dann weiter, direkt über den großen Marktplatz, in dessen Mitte ein steinerner Brunnen stand.

Hier auf dem Markt pfiff der Wind so eisig und wild, dass dem Mädchen die Schöße ihres Mantels nur so flatterten und sie fest eine Hand am Kopf halten musste, damit ihre Mütze nicht davon flog. Nach vorn gebeugt und festen Schrittes stapfte sie über das Marktpflaster, bis hin zum Brunnen. Sie ging ganz um ihn herum, strich sanft mit der Hand über seinen Rand, setzte sich zu ihm und begann leise zu summen. Fast hätte man es nicht hören können, weil der Wind solch einen Krach machte – aber der Brunnen hörte es. Das Mädchen vernahm an einem kleinen Glucksen, dass der Brunnen wach geworden war. Also begann sie – nur für ihn – ein Lied zu singen. Sie sang von seinem großen Bruder, dem Fluss und seinem Vater, dem Meer und von seiner Tiefe, die das Wasser frisch und kühl in sich birgt. Und sie dankte dem Brunnen dafür, dass er selbst Trockenheit und Kälte übersteht und dass immer genug da ist, wenn ein Menschlein aus ihm trinken will. Einen Moment lang schien es, als wollte der Wind lauschen und es war still genug, dass das Mädchen den Brunnen plätschern hören konnte. Da lächelte sie, stand auf, schwang sich ihren Schal wieder ein wenig fester um die Schultern und stapfte weiter, zur Stadt hinaus.

Vor den Toren der Stadt war es stockfinster. Erst als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie die brach liegenden Felder der Bauern zu ihrer Linken, den Bach und die Büsche zu ihrer Rechten. Dann und wann sprang ein Reh oder ein Hase quer über den Weg und endlich gelangte sie zu einem kleinen Wäldchen. Die Bäume rauschten und ihre Wipfel bogen sich wild im Wind. Die Wolken am Nachthimmel zogen schnell, rissen immer wieder auf und gaben das fahle, ruhige Licht des Mondes frei. Fast war es, als sänge der Wind eine Melodie in den Bäumen und das Mädchen lehnte sich an einen Stamm, um ihm zu lauschen. Es schaute hinauf in die Äste und Zweige, sah, wie sie sich streckten und bogen, nachgaben, sich wiegten, als wäre es ein ganz eigener Reigen, den sie da tanzten. Sie hob die Arme und begann, erst ganz sacht und leise, dann immer gelöster, sich im Winde zu bewegen. Sie gab ihm nach, richtete sich in ihm auf, floss ihm nach, ließ sich ganz von ihm umwehen und wiegte sich gleich dem Baume in einem Tanz. Irgendwann - der Wind und der Baum und die weniger gewordenen Wolken standen still – hielt sie inne. Sie ging hin zu dem Baum, umarmte ihn lang und dankte ihm für das, was er sie gelehrt hatte. Sie streichelte seine Rinde und bevor sie ging, schenkte sie ihm noch einen Blick aus ihren sanften Augen.

Niemand weiß, wie lang sie wohl durch die Nacht lief, bis sie endlich an eine kleine Hütte kam. Nur undeutlich sah sie von weitem das schwache, flackernde Licht, das aus kleinen Fenstern ins Dunkle schien. Als sie näher kam, fand sie ein klappriges Holzhäuschen und hörte darin die Stimme eines Mannes murmeln. Sie klopfte an die Tür und vernahm ein ärgerliches Brummen. So fasste sie sich ein Herz und klopfte noch einmal – darauf hin sich die Tür quietschend öffnete und ein kleiner dünner Mann mit schütterem Haar erschien. Seine Augen blinzelten und seine Lippen waren schmal. Er zog die Stirn in Falten und fragte unwirsch, was um alles in der Welt sie denn hier zu ihm verschlagen hätte. Das Mädchen sagte darauf nichts, lächelte, strich ihm sanft über seine Wange, schob ihn ebenso sanft aus der Tür und betrat die Hütte aus Holz. Die Augen des Mannes wurden nun etwas größer, umso mehr, als das Mädchen zum Regal über dem Ofen ging und einen Topf herausnahm. „Sei so lieb und hole mir darin etwas Wasser“, sagte sie. Tatsächlich ging der Mann und tat, wie ihm geheißen. Das Mädchen stellte den Topf auf den Ofen und wartete, bis das Wasser sprudelnd zu kochen anfing. Dann griff es in seine Manteltasche und holte eine Handvoll Kräutlein heraus, streute sie in den Topf, bat den Mann um eine Tasse und goß den Sud nach einigen Minuten dort hinein. Dann setzte sie sich an den klapprigen Tisch, der in der Ecke des Raumes stand und stellte die Tasse an den Platz gegenüber. Der Mund des dünnen Mannes stand offen. Er setzte sich und starrte erst die Tasse dampfenden Tee´s, dann das Mädchen an. „Trink!“, sprach sie zu ihm und in ihren Augen war ein kleiner goldener Glanz, der irgendetwas in ihm zu schmelzen schien. Er trank einen Schluck des köstlich duftenden Tee´s und schaute dann unverwandt auf das Gesicht, dass sich in der Tasse zu spiegeln begann. Erst schien er es nicht zu begreifen, doch dann war es ganz deutlich: Es war seins! Doch was er sah, war eine glatte Stirn, klare Augen, volle Wangen und ein lachender Mund! Der Mann sah zum Mädchen, dann wieder in den Spiegel der Tasse – als könne er nicht fassen, was er da sah. Es begann in ihm zu glucksen und in kleinen Bläschen heraufzuperlen, bis es endlich in einem lauten Lachen aus ihm herausbrach. „Das bin ja ich!“ rief er aus und als wäre ein festes Band, das sein Herz eingeschnürt hatte abgesprungen, begann er einen Tanz solcher Freude, dass seine alte Hütte gehörig zu krachen anfing. Und als es genug war und er sich setzte, um dem Mädchen wieder in seine leuchtenden Augen zu schauen, war es verschwunden. Erst Tage später, im Spiegel eines See´s, fand er ihn wieder, den kleinen goldenen Glanz – in seinen eigenen Augen.

Das Mädchen indess hatte sich auf einen Berg unter das weite Himmelszelt gesetzt. Der wilde Sturm hatte aufgehört. Die Nacht war klar und kalt, aber voller Sterne. Da legte das Mädchen seine Hände aneinander und sagte Dank. Ganz still war es.

Und dann ging es nach Hause zu seiner Mutter – der großen Liebe.