· 

Über das Erinnern

Es gibt viele Dinge, die man vergessen kann. Den Schirm im Café, den Geburtstag der Freundin oder den Termin beim Zahnarzt. Man kann vergessen, die Tür abzuschließen oder einen Brief rechtzeitig abzuschicken. Diese vergessenen Dinge bescheren uns ärgerliche kleine Schrecksekunden im Alltag, doch lassen sich meist schnell wieder richten. Deshalb sind sie nicht das, woran ich (mich) heute erinnern will.

 

Was heißt eigentlich er-innern? Dem Wortsinn nach heißt es: etwas im Innern auftauchen lassen, etwas 'inne' werden. Erinnern müssen wir uns nur an etwas, was wir vergessen haben. Vergessen aber bedeutet: etwas aus dem Gedächtnis verlieren, es nicht behalten. Findet erinnern nun in Gedanken statt oder im Gefühl? Wenn wir uns nach innen wenden, um uns zu erinnern, welchen Ort meinen wir dann?

Für mich ist Fühlen etwas, das innen ist. Tief in mir, da wo ich bin. Innerhalb der Erfahrung des Körpers. Fühlen ist nahe bei mir, Denken führt mich von mir weg. Denken bewegt sich nach außen, Fühlen nach innen. Denken wir an Vergangenes, benutzen wir unser Gedächtnis, um uns daran zu erinnern. Wir reisen in der Zeit. An einen anderen Punkt, als der, an dem wir jetzt sind. Unsere Aufmerksamkeit geht also weg von uns. In eine Geschichte hinein. Während das Leben in uns weiter atmet und fühlt und pulsiert, ist unsere Aufmerksamkeit woanders, in fernen Räumen unterwegs. Und keiner davon ist im Augenblick. Hier, im Leben, innen. Wenn wir in vergangene Erfahrungen reisen,  könnte man auch sagen, wir reisen in die Phantasie. Halten wir in solchen Momenten inne, können wir das 'weg-von-sich-Sein' auch fühlen.

Denken kann eine ziemlich unverbundene, leblose Sache sein. Damit meine ich nicht das Denken, das den Alltag strukturiert und unsere Handlungen sinnvoll macht. Es ist eher das Nach-denken über Geschehenes, also das Denken, was nach dem Ereignis kommt, was uns wegführt vom Lebendigsein in diesem Augenblick.

Wenn der Verstand umherschweift in Vergangenheit und Zukunft, hat er vergessen, dass wir hier sind. Von einem Ort geht er zum anderen. Er schweift in die Ferne und ein Raum öffnet so den nächsten. Immer weiter weg von hier, innen. Und je weiter der Verstand geht, umso größer wird das Vergessen.

Doch irgendwann auf dieser Reise kommt der Moment, in dem wir uns heimatlos und entwurzelt fühlen. Abgeschnitten von der Quelle. Nicht nur abgeschnitten von unserem Fühlen, sondern auch abgeschnitten von uns selbst. Und von dem göttlichen Funken in uns. Das ist meist der Zeitpunkt, an dem wir anfangen zu suchen. Nach dem Glück, nach Verbindung, nach uns selbst. Was wir sind, haben wir vergessen und nun versuchen wir uns zu er-innern. Wir gehen zurück, nach innen. Doch dieser Weg ist kein Weg des Denkens. Er ist zunächst eine Rückkehr zum Fühlen.

Denken ist (sich) vergessen. Fühlen ist erinnern. Fühlen ist, sich inne werden.

Das Fühlen, das ich hier meine, ist nicht etwa das Drama emotionaler Identifikation. Ich spreche von einem lebendigen Fühlen, das sich selbst überlassen ist und sein darf, was es ist. Kein Verstand der sich einmischt und keine Geschichte, die uns von hier wegführt. Fühlen ist auf dem Weg nach innen wie ein erstes Tor. Das heißt, Fühlen ist nicht das Ziel, aber ein guter Schritt in die richtige Richtung. Und je mehr wir nach innen wandern, umso reiner wird das Fühlen. So nähern wir uns der Quelle. Dem Verbundensein, der Liebe. Dem Leben. In uns und jedem, dem wir begegnen.

Wenn wir uns wahrhaft erinnern, wandern wir nicht in Gedanken zurück an einen Ort in der Zeit, sondern zurück in uns selbst. Es ist ein Weg der Umkehr nach innen. Ein wieder inne werden, wer wir in Wahrheit sind.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0