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Was Kinder alles müssen - ein Plädoyer für die Freiheit

Carlo liegt nach dem Mittagsschlaf mit Unterhose und nur einer Socke bekleidet auf dem Bauteppich in der Kita. „ Ich habe keine Lust mehr!“ ruft er ärgerlich. „Wozu hast du denn keine Lust mehr?“, frage ich. „Ich will nicht immer das machen, was ihr wollt!“ Carlo ist den Tränen nahe. „Das soll ich und das soll ich! Ich will nicht! Ich will mich nicht anziehen!“

Hm, das kann ich verstehen.“ denke ich und sage es auch.

Carlo ist verdutzt. Jetzt kommen doch erstmal keine Tränen. „ Bleib einfach noch so lange hier so liegen, wie du magst.“ sage ich. „Hä, du machst wohl Spaß!“ Carlo schaut mich ungläubig an. „ Nein, ich mein' das ernst. Bleib einfach so.“ „ Na gut!“ grinst der Vierjährige zufrieden, legt den Kopf auf seine Hände und bleibt liegen. Nach fünf Minuten wird’s ihm langweilig. Er geht zu seinem Hocker, zieht sich an und kommt dann an den Tisch zum Vesper. Ohne weitere Bitten. Ich lächle ihm zu. Er sieht fröhlich aus.

 

Diese kleine Episode hat mich dazu gebracht, mein Augenmerk mal auf die Anweisungen und Ermahnungen zu richten, die während meiner Beschäftigung in der Kita so über meine Lippen kommen. Scherzhaft sagen wir Kollegen untereinander, dass wir für bestimmte Sätze ebenso gut eine Schallplatte auflegen könnten. „ Der Mund ist jetzt zu.“ „ Achte auf deinen Vordermann und bleib in der Reihe.“ „ Zieh dich schneller an.“ „ Zappel nicht so.“, diese Liste ließe sich ohne weiteres fortsetzen. Und das Paradoxe ist, je öfter wir diese Sätze sagen, desto weniger werden sie gehört. Ich habe die Anweisungen nicht gezählt, aber mein Verdacht geht stark in die Richtung: Es sind zu viel!

 

Also habe ich mal etwas ausprobiert. Ich bin mit den Kindern auf eine große Wiese gegangen. Eine Wildwiese, ungepflegt, mit Brennnesseln, buntesten Blumen und Kletten, unvorhersehbaren Löchern, abgebrochenen Ästen und viiiiiel Platz.Spielt!“ hab ich gesagt. „ Macht, wozu ihr Lust habt.“

Keiner lief los. Alle blieben in meiner Nähe stehen und schauten unsicher in die Landschaft. Manche scharrten mit den Füßen zwischen Gras und Erde.

Dürfen wir dahinten zu dem großen Ast?“ fragte schließlich einer. „Ja klar! Wenn du willst, nur zu!“ war meine Antwort. Er stürmte los. Einer kam gleich hinterher. Und dann noch ein Dritter. „Frauke, die kleben ja!“ rief's da von hinten. Kletten. Sie hingen an einem Klumpen in einer kleinen Hand. Es kam Bewegung in die Sache. Die Kinder begannen sich umzuschauen – und zwar nicht mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper. Manche liefen auf Zehenspitzen, andere hopsten zu den Wildblumen hin, über denen zwei Schmetterlinge spielten. Weil das Gras so hoch war, hielten die Kinder die Arme hoch. Es sah aus wie ein Tanz.

Da wohnt ein Fuchs!“ tönte es jetzt nur wenige Schritte von mir entfernt. Ein Mädchen zeigte auf ein größeres Loch in der Erde. „ Nein, Quatsch. Ein Hase!“ kam's da von der Seite. „ Komm, wir gucken mal nach!“

Hilf mal mit!“ schrie es jetzt von da hinten beim Ast. Vier Jungs hatten sich daran gemacht, das von einem früheren Blitz abgeschlagene Ding über die Wiese zu schleifen. Dann hoben sie ihn hoch und fingen an schneller zu laufen und zu lachen. „Wir machen ein Feuerlager!“ Und da fingen auch die anderen an, Stöcke zu suchen. Große und kleine. Alle halfen mit.

Wir dürfen nicht mit Stöcken rennen.“ warf jemand ein und schaute mich hilfesuchend an.

Doch, doch, heute dürfen wir“, war meine Antwort. „Dürfen wir auch aufs Gras hauen?“ , kam da die nächste Frage. „Na klar!“ Und schon johlte die Meute durchs Gras und schlug sich wild 'den Weg frei'. „Aber nicht die Blumen!“ riefen die Mädchen, „da macht ihr die Bienen kaputt. “ „Waaas? Bienen? Zeig mal!“ Alles rannte zu den Blumen. „Guck mal da...aber nicht totmachen, ja?!“ „Bienen sterben, wenn die einen stechen. Deshalb darfst du die nicht ärgern.“ Ich staunte, was die Kinder alles schon wussten. Aufgeregt erzählten sie. Wir sprachen von Ameisen, Grillen und Mäusewohnungen. Von Gewittern und was man im Wald alles essen kann. Wir kosteten Schafgarbe und Löwenzahn. Und die kleinen Samen von den Brennnesseln.

Als davon genug war, zogen manche ihre Schuhe aus, rannten sich kichernd gegenseitig um und kugelten sich auf der Wiese. Ab und zu schrie jemand „Au!“ verzog kurz das Gesicht und taumelte dann weiter.

Selten hab ich Kinder soviel lachen gesehen. Und schon gar nicht in einer Gruppe.

Selten waren sie so glücklich erschöpft, wie an diesem Tag.

Ohne Anweisung und Gerüst. Auf einer wilden Wiese, mitten in Berlin.

Fast hatte ich das vergessen: Ab und zu muss man Kinder einfach mal machen lassen. Ohne Regeln und ohne die Frage nach Zeit. Am besten in der Natur!