"Wohin läufst du?", fragt mich der Herbst

Neulich lief ich durch den Wald. Vor mir auf dem Weg ging eine junge Frau. Sie schob mit einer Hand den Kinderwagen, in dem ein kleines Mädchen saß. Es brabbelte und quietschte vor sich hin und schaute zwischendrin immer wieder zu seiner Mutter hoch, fragend, lauschend. Die bekam davon nichts mit. Sie war in das Display ihres Handys vertieft und scrollte hektisch mit dem Daumen hin und her. Im Ohr einen Stöpsel, mit dem sie aufgeregt sprach. „ Ja, warte. Ich such mal eben die Nummer. Ach Sch..., wo ist die denn jetzt?! Ich geb sie dir gleich durch.“ Kurzes Lauschen. „ Ich kümmer mich drum.“ „Oach....! Das läuft doch jetzt wieder alles aus dem Ruder!“ Zwischendurch rief sie laut nach dem Hund, der sich seitlich in die Büsche getrollt hatte und offensichtlich auch zu ihr gehörte. „ Komm jetzt her, Rufus!“ Rufus hatte anders zu tun. Er schnüffelte begeistert zwischen Blättern und feuchter Erde und fing an, ein schönes Loch zu buddeln, um der Sache auf den Grund zu gehen. „Rufus!“ „Hier!!“ Der Hund trottete sichtlich frustriert zurück zu Frauchen und Kinderwagen. Ein Eichhörnchen flitzte über den Weg. Hielt kurz inne und putzte sich. Dann verschwand es samt seinem Puschel wieder auf den nächsten Baum. Gänzlich unbemerkt von der Spaziergängerin.  Sie sprach wieder angeregt mit dem Stöpsel im Ohr. Als das Telefonat der jungen Frau beendet war, hörte man kurz ein Vogelzwitschern und das Rascheln der Füße im Laub. Der Wind ließ ein paar Blätter auf den sonnigen Weg segeln. Da klingelte wieder das Handy. Das Mädchen im Kinderwagen bäumte sich quengelnd auf und machte Anstalten, aus dem Wagen zu rutschen. Die Decke lag schon im Laub, ein Spielzeug auch. Ohne einen Kommentar hob die Mutter beides auf und schob die Kleine im Wagen mit einer Hand wieder nach oben. Mit der anderen nahm sie den Anruf entgegen. „ Ja, was gibt’s denn?“ „Das sollte doch längst erledigt sein!“ Sie stapfte energisch vorwärts und schob mit einigen Schwierigkeiten den Wagen weiter einhändig über den inzwischen matschig gewordenen Weg. Rufus, der Hund, war irgendwo weiter vorn.

 

Ein Stück ging ich noch mit auf diesem Weg und bin dann auf einen kleineren abgebogen. Die Eile ließ nach und meine Sinne wurden wach. Den Hund sah ich nochmal schwanzwedelnd in der Ferne. Und während ich so lief und immer langsamer wurde, fiel mir auf, dass ich mich erholen musste. Von der Geschwindigkeit. Von der gesehenen und meiner eigenen. Und von der Abwesenheit. Ich musste mich erholen davon, drei Dinge gleichzeitig zu tun. Von dem Tempo und auch von der Menge der zu erledigenden Dinge. Von der Atemlosigkeit, mit der ich durch die Stille fege. Von den immer neuen Aufgaben. Und davon, mir vorzustellen, dass danach alles gut wird. Und ruhiger. Nein, es wird nicht ruhiger! Wie ein Esel laufe ich der Mohrrübe hinterher, die 'morgen' heißt oder 'danach'. „Erst noch schnell muss ich ….und dann!“

 

Und währenddessen fallen die Blätter vom Baum. Leise segeln sie zur Erde. Die Sonne steht tiefer. Sie zaubert ein warmes Licht. Der Wald hat seine Früchte hergegeben. Es duftet nach Erde und nach Vergänglichkeit.

 

Wohin läufst du?“, fragt mich der Herbst.

Ich bin hier.

Sagt mir das Leben.