· 

Was wir sehen

Man sagt, dass die Ureinwohner Amerikas die ersten Schiffe von Columbus nicht übers Meer kommen sahen. Weder sie, noch ihre Ahnen hatten je zuvor riesige Schiffe gesehen. In ihrem Bewusstsein existierten sie also schlichtweg nicht. Erst nachdem immer mehr übers Meer kamen und die Eroberer über das Land hereinbrachen, konnten die Ureinwohner die Form von Schiffen erkennen und von Weitem sehen, wenn eines zu ihnen segelte.

 Auch sagt man, wer noch nie einen Apfel gekostet hat, kann sich nicht nach seinem Geschmack sehnen. Wer noch nie einen Ton gehört hat, wird keinen vermissen. Wer noch nie von einem Gedicht berührt wurde, wird keinen Dichter suchen.

Was wir nicht kennen,

er-sehnen und er-kennen wir nicht.

Wir fürchten es auch nicht.

Und umgekehrt.

Was wir erkennen, ersehnen oder fürchten, ist uns bereits bekannt.

 

Auch aus der Neurologie und Hirnforschung weiß man inzwischen, dass das was wir wahrnehmen, ein Großteil Erinnerung ist. Sehr schön und organisch können wir das am Beispiel des Auges sehen. Alles was wir betrachten, wird als Information an das Hirn weitergeleitet und dort zunächst gespeichert. Erst dann kann die Information wieder abgerufen und jederzeit als Objekt erkannt werden. Wir sehen also genaugenommen mit dem Hirn, nicht mit dem Auge. Dieser Mechanismus hilft dem Körper unter anderem auch, wenn durch eine Erkrankung das räumliche Sehen eingeschränkt ist. Das Hirn „ersetzt“ dann einfach das organisch nicht mehr sichtbare Feld durch Erinnerung. Auf diese Weise können sich Menschen trotz tatsächlich fehlendem räumlichen Bild wunderbar orientieren. So kommt es auch, dass man verkehrt herum lesen oder Sätze erfassen kann, in denen einzelne Buchstaben durch Zahlen ersetzt sind. Das Hirn erinnert sich, rückt gerade und fügt zusammen, was fehlt.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch, wir können nur wahrnehmen, was schon einmal irgendwann in unserem Speicher abgelegt, wiederholt und immer wieder benutzt und aktiviert wurde.

 

Unabhängig vom Sehen gibt es natürlich auch seelisch und reaktiv betrachtet in jedem Menschen schon sehr alte, zum großen Teil unbewusste Speicher. Kriegserfahrungen unserer Vorfahren oder was zu tun ist, wenn der Tiger kommt, sind nicht nur in unserem Hirnstamm, sondern auch in unseren Genen gespeichert.

 

Die in unserer (Menschheits-)Psyche schlafenden Erinnerungen, guter und unguter Art, prägen unser Handeln und unsere Wahrnehmung oft, ohne das wir uns dessen bewusst sind. Das merken wir vor allem dann, wenn wir schnell und impulsiv auf eine Situation reagieren. Zwischen Aktion und Reaktion liegen dann oft nur Bruchteile von Sekunden. In lebensbedrohlichen Situationen ist das von großem Vorteil, im zwischenmenschlichen Miteinander manchmal nicht.

 

Wir können also festhalten, was wir wahrnehmen und wie wir reagieren, hat viel damit zu tun, was wir erlebt und wie wir es verarbeitet haben. Etwas neu und völlig unvoreingenommen zu betrachten, würde all die oben beschriebenen Vorgänge außer Kraft setzen. Physiologisch, kognitiv, seelisch und auch spirituell betrachtet.

Dennoch ist es möglich und eine große Verblüffung und Berührtheit kann entstehen, wenn es geschieht. Doch darum soll es hier nicht gehen.

 

Vielmehr geht es heute um etwas, was mir in der aktuellen Krise und auch aus einer spirituellen Sicht in diesem Zusammenhang bewusst geworden ist.

Wir können nicht sehen, was wir nicht kennen UND wir können nicht sehen, was unser Gerüst der Vorstellungen, was unsere Welt ins Wanken bringt! Wir können und wir wollen es nicht! Vor allem aus einem Grund: Es erscheint uns zu gefährlich.

 

Gerüste, die uns die Welt erklären, bedeuten Sicherheit, Geborgenheit, Verlässlichkeit. Dies aufzugeben, bewusst aufzugeben, würde bedeuten, dass wir all das aufs Spiel setzen. Das geht nur, wenn es einen außerordentlichen Impuls der Neugier gibt oder den eines Forschergeistes oder einer Ahnung. Alle großen Entdeckungen kamen eben genau von jenem Geist, der das Bekannte verlässt, um das Unbekannte zu finden. Nein, das passiert nicht jedem und nicht allerorten. Eher kennen wir diese Menschen als Pioniere ihrer Epoche.

Manchmal verlassen Menschen auch ihre „Gerüste“, wenn großes Leid sie dazu zwingt oder die Erfahrung von tiefer Liebe und bedingungslosem Vertrauen ihr Herz öffnet.

 

Realistisch betrachtet können wir aber sagen, dass das nicht so häufig der Fall ist.

Meist beobachten wir daher die Tatsache, dass Menschen bestimmte Dinge nicht sehen, selbst wenn andere sie wahrnehmen. Entweder, weil es in ihrer Erfahrung bisher noch nicht vorgekommen ist oder weil das, was sie dann sehen würden, ihr Weltbild und damit ihre Sicherheit bedroht.

Angst ist eine der Energien, die die Sicht auf die Wirklichkeit sehr einschränken kann.

In meinen aktuellen Betrachtungen sehe ich zum Beispiel viele Menschen, die in erstaunlichem Gehorsam den Gleichschritt üben und obwohl unsere Geschichtsbücher voll sind von Beispielen großer Menschenrechtsverletzungen und Diktaturen, erkennen sie sie nicht, wenn sie ihnen im Alltag direkt vor der Nase stehen.

Die Diskriminierung Andersdenkender scheint in Gesundheitsfragen plötzlich annehmbar und wird mit einem Solidaritätsgefühl mit der Allgemeinheit übertüncht. Ganz selbstverständlich preist man die Toleranz gegenüber verschiedenen sexuellen Präferenzen oder verschiedenen Hautfarben und macht das in tollen Regenbogenfahnen deutlich. Bei der Verschiedenartigkeit der Ansichten zur aktuellen Situation und Gefahreneinschätzung in unserem Land hört die Toleranz aber plötzlich auf. Denn es scheint um Leben und Tod zu gehen.

Solange das Zentrum ihres gesellschaftlichen Lebens jedoch nicht allzusehr beeinträchtigt ist, Begegnungen, Partys, Cafébesuche und Konzerte noch möglich sind oder nach Impfung wieder in Aussicht gestellt werden, ist für junge Menschen die Welt meist noch völlig in Ordnung.

Weil ihnen die ERFAHRUNG einer Diktatur fehlt, sind die direkten Zeichen für sie fast unerkennbar. So ist auch nachzuvollziehen, dass sie sich in der aktuellen Situation nicht besonders alarmiert fühlen. Nachzuvollziehen im Sinne von: es ist zu verstehen.

Und Verständnis hilft immer im friedlichen Miteinander. Uns allen.

 

Ebenso hilft es, zu verstehen, dass viele Menschen das tatsächliche Ausmaß der Lage in der Welt nicht sehen KÖNNEN, weil es ihre Vorstellungen vom Leben zutiefst gefährden würde.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Selbst wenn es sich schon hundert Male wiederholt hat, neigt der Mensch dazu, das Grauen zu vergessen. Es ist ursprünglich ein heilsamer Impuls der Psyche, uns vergessen zu lassen. Weil wir sonst nicht weiterleben könnten...zumindest nicht wie bisher. Es ist ein Schutzimpuls, Schmerzhaftes zu verdrängen. Auch soweit, dass es den Anschein hat, es existiere gar nicht. Es nützt dann nichts, wenn wir brüllen: „Schau doch hin!“ oder „Forsche nach!“ Im Raum der Sicherheit vor dem Unannehmbaren verhallt es ungehört.

 

Aber wundersamer Weise kann Heilung geschehen, wenn wir anfangen, diesen Schutzvorgang im Menschen zu verstehen. Mitfühlend zu verstehen. „Ja, ich sehe Dich!“ Dann entspannt sich etwas im System. Mitmenschlich und global gesehen. Und so Gott will, öffnen sich dann wieder kleinere oder größere Türen im Innern, für uns alle! Vielleicht beginnen wir, wieder miteinander zu sprechen und einander zuzuhören.

 

Ein weiterer Punkt, den man aus dieser Perspektive besser verstehen kann, ist ein spiritueller. Er betrifft die Tatsache, dass viele Menschen kaum etwas von einem Leben wissen, das weit über diesen Körper oder diese Erde hinausgeht. Und damit auch weit über ihr jetziges Leben und die damit verbundene Wahrnehmung hinaus.

Nun ist es ein bekannter Fakt, dass wir Menschen uns die Unendlichkeit des Universums nicht vorstellen können. Weder durch unsere Erfahrung oder Forschung, noch durch Prozesse in unserem Hirn oder irgendeine Imaginationskraft. Dennoch „wissen“ wir, dass Unendlichkeit existiert. Ist das mehr eine Ahnung? Oder ein Gefühl? Vielleicht könnte man sagen, es ist etwas Unbenennbares. Etwas, dem wir uns nur annähern können, eine Art Offenheit gegenüber dem Unbekannten in uns selbst.

 

Als Kind habe ich oft verwundert festgestellt, dass bei weitem nicht alle Menschen um mich herum die selben Dinge wahrnehmen oder spüren. Das bezog sich auf Stimmungen im Raum, auf Gefühle, die Menschen ausstrahlten, die oft im Gegensatz zu dem standen, was sie sagten....und auf konkrete Erinnerungen aus früheren Leben oder die Wahrnehmung feinstofflicher Wesen. Ich habe schnell gelernt, lieber nicht soviel davon zu sprechen und das war auch verbunden mit dem Bedürfnis, nicht allzu sehr aus dem Rahmen der Familie zu fallen. Zumindest als Kind hat sich das für mich sehr bedrohlich angefühlt. Als Erwachsene habe ich dann aber angefangen, ganz selbstverständlich von diesen Dingen zu erzählen und fand nach und nach auch Freunde, mit denen ich mich darüber austauschen konnte. Und als besonderes Himmelsgeschenk begegnete ich mit 27 Jahren dann meinen spirituellen Lehrern. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, meinen kleinen Horizont immer mehr zu überschreiten. Vor allem aber hat das Band der Liebe und des Vertrauens es möglich gemacht, dieses Wagnis immer wieder einzugehen. Auch über zeitweise massive Widerstände in meinem eigenen Inneren hinaus. Weit darüber hinaus.

Und nach 25 Jahren intensiver Schulung erfahre und erlebe ich Dinge, die den Rahmen meiner Annahmen und Vorstellungen immer wieder sprengen.

So zum Beispiel direkte, handfeste Zeugnisse eines Lebens nach dem Tod. Genau genommen den Beweis dessen, dass Tod gar nicht existiert. Das habe ich zwar früher tief geahnt oder gespürt und erinnert, aber es ist etwas vollkommen anderes, es direkt zu ERFAHREN und zu ERLEBEN! Es hebt das bisherige Paradigma meines Geistes einfach auf. Es überschreitet es. Und zwar ganz praktisch und real. Die Zeugnisse eines Lebens nach dem Tod, die meine Lehrerin Eva Maria nach ihrem Übergang bereits erbracht hat und die vielen Wunder der Materialisation aus der geistigen Welt sprengen den Rahmen dessen, was auf der Erde bisher noch als vorstellbar gilt.

 

In etwa so, wie man Jahrhunderte lang dachte, die Erde sei eine Scheibe und dann entdeckte, dass es sich ganz anders verhält! Erst durch theoretische Überlegungen und später dann, indem man ganz praktisch die Welt umsegelte und somit den Beweis erbrachte. Inzwischen reisen wir ins Weltall und an der Form der Erde besteht längst kein Zweifel mehr. Aber bis dahin war es ein langer Weg.

 

Ähnlich, so wurde mir neulich bewusst, verhält es sich wahrscheinlich ganz allgemein mit der Wahrnehmung der Realität. Es ist ein Weg. Es ist ein ständiges 'es für möglich halten', ein immer wieder über den Tellerrand schauen, offen sein, sich korrigieren, sich erneuern und erweitern. Es hat kein Ende und es gibt auch kein Ende.

Solange das Geistige in den Menschen nicht lebendig ist, durch ihre ERFAHRUNG, können sie es nicht sehen, nicht wahrnehmen. Da nützt es wenig, traurig oder wütend zu sein, zu belehren oder abzuwinken. Aber man kann ruhig mutig davon erzählen, sich äußern und unverhohlen seine Freude über diese Entdeckung mitteilen. Etwas in jedem kann vom Geheimnis berührt werden. Vielleicht nur als Hauch einer Erinnerung oder einer Ahnung.

Einfach unverdrossen bleiben, dachte ich so bei mir.

Alles wächst und weitet sich, wenn die Zeit gekommen ist. Früher oder später.

Damit lässt es sich gut sein, hier auf der Erde.

In Mitgefühl, in Geduld, in Frieden.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0