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Quo vadis?

Wir alle kennen sie inzwischen. Kleine Filmchen, in denen Tiere, die sonst in ihrem natürlichen Umfeld nie zueinander kommen würden einander jagen, foppen oder gar liebkosen. Löwen, die ihre Jungen über Autositze spazieren lassen, während die Insassen unbeschadet bleiben, Hunde, die Babys vor Überschwemmungen retten. Politiker, die sehr seltsame Sachen von sich geben und Kameras, die „zufällig“ genau vor Ort sind, während „Überraschungen“ oder Katastrophen passieren. Für die meisten Menschen auf diesem Planeten, zumindest für die die wohlhabend genug sind, Handys oder PC's zu besitzen, ist es Gang und Gäbe, sich mit dieser Art von Filmchen die Zeit zu verkürzen, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Für eine Aufmerksamkeitsspanne von bis zu einer Minute gerade genug, um nicht ins Nachdenken oder gar Fühlen zu kommen. Eine Sequenz folgt der nächsten, schnelle Bildfolgen, kurze Botschaften. Die etwas längeren Beiträge bei Youtube kündigen täglich neue Sensationen an. „Das gab es noch nie!“, „Jetzt geschieht es.“, „Alles ändert sich.“ Extreme und Versprechen wechseln einander ab wie Windsprünge. Jeden Tag neue Meldungen von äußerst wichtigen Vorgängen, an die sich am nächsten Tag schon keiner mehr erinnert. Geschweige denn, dass eingetreten wäre, was angekündigt wurde.

Wie es scheint, nährt sich der Geist vieler Menschen von Aufregung. Während die Anregung immer weiter aufdrehen muss, wird die Wahrnehmung immer dumpfer.

Die Sinne stumpfen ab, die Empfindungen fallen in eine Art Betäubungsschlaf. Benebelt vom Geschrei einer Welt, die im Begriff ist, als KI Klon zu enden.

 

Inzwischen scheint es so, als müssten wir neue Sinne, eine neue Verfeinerung erlangen, um dieser Veränderung gerecht zu werden. Etwas das in der Lage ist, Echtes von Falschem zu unterscheiden. Intuition und ein gutes Allgemeinwissen, zum Beispiel über biologische, geografische oder physikalische Naturgesetze und die  Kenntnis psychologischer Effekte, helfen da durchaus etwas. Zumindest, um den Blick wach zu halten und genau hinzuschauen. Doch der Gewöhnungseffekt all dieser Traumsequenzen ist nicht zu unterschätzen. Manchmal bekomme ich den Eindruck, Menschen werden davon „high“ wie von Opium. Sie dösen hinab in in das Reich leerer Informationen und vergessen, dass sie atmende und fühlende Wesen sind. Die Blicke in den Bahnen und Bussen sind verschleiert und wie ferngesteuert auf Displays gerichtet. Neulich habe ich in einem voll besetzten Bus zwei Menschen entdeckt, die nicht auf ein Handy schauten. Die anderen etwa sechzig Leute taten es.

 

In der Unterhaltungsindustrie sind völlig neue Berufszweige entstanden, die unter anderem davon leben, anderen Menschen Beziehungs-Schmink-oder Abnehmtipps zu geben. Sensationsankündigungen, investigativ daherkommende Offenbarungen, Wetterberichte oder astrodynamische Hintergrundinformationen füllen unseren Geist im Minutentakt – sobald wir den Blick weg vom Leben und hin zum Bildschirm wenden.

In der Spiritualität scheint ein Drittel der Bevölkerung neuerdings erwacht zu sein oder aber durch ein Nahtoderlebnis geläutert worden zu sein. Höchste geistige Wesen sitzen am Küchentisch mit Jedermann und geben dort Botschaften weiter, in denen fühlbar nichts enthalten ist.

 

Wir haben inzwischen Zugang zu unvorstellbaren Wissens-Bibliotheken und ein hohes Maß an mentaler Intelligenz und technischer Versiertheit. Und zur selben Zeit verkümmert das Leben in uns. Das Fühlen und soziale Kompetenzen werden ersetzt durch abstrakte Theorien. Wortgewandtheit verschleiert echte Erfahrung und die passenden Bilder gaukeln uns Realität vor. Das Unterscheidungsvermögen dämmert am Bildschirmrand vor sich hin.

 

Vielleicht stellt sich nicht nur mir die Frage, lieber Mensch: Quo vadis?

 

Trotz aller kritischen Betrachtung soll dieser Beitrag hier natürlich nicht ohne heilsame und konstruktive Impulse enden. Sie können uns vielleicht helfen, die Herausforderungen und Täuschungen dieser Zeit zu durchschauen und im Herzen wahrhaft lebendig zu bleiben. Lebensklug im besten Sinne...

 

Zunächst zur Schulung des Unterscheidungsvermögens und zur Echtheit von Filmen und Beiträgen einige Vorschläge.

 

Frage dich:

  • Ist das ein natürliches und typisches Verhalten für dieses Lebewesen?

  • Entspricht die Äußerung dieses Menschen dem was ich von ihm kenne oder erwarten würde?

  • Gibt es Stereotypen oder sich rhythmisch wiederholende Gesten beim Sprechen?

  • Erscheint der Klang der Stimme sehr gleichmäßig oder gar monoton?

  • Wirken der zu sehende Mensch oder das Tier glatt und makellos?

  • Wie wahrscheinlich ist das Geschehen anhand meiner Lebenserfahrung?
  • Fühlt sich das was ich sehe/höre lebendig an?

 

Zum tieferen Wahrheitsgehalt:

  • Was fühle ich, wenn ich diesem Menschen zuhöre?

  • Bin ich berührt?

  • Ist in den Worten etwas „drin“?

  • Fühlt es sich authentisch an?

  • Ist es eine individuelle Schilderung oder habe ich das aus anderen Quellen schon genauso gehört?

  • Bin ich sicher, dass das wahr ist?

  • Kann ich es faktisch überprüfen?

  • Was sagt unabhängig davon meine Intuition?

  • Weiß ich, ob dieser Mensch tatsächlich lebt, was er sagt?

  • Was macht diesen Menschen zu meinem Ratgeber? 

 

Zur Bedeutung für den Lebensalltag:

  • Hilft mir das Gehörte/Gesehene, meinen Alltag zu meistern?

  • Kann ich es praktisch umsetzen?

  • Verändert es im Positiven meine Lebensführung?

  • Gibt es mir Kraft oder konkrete Ausrichtung und Hilfe?

  • Trägt es dazu bei, Frieden und Mitgefühl in mein Leben zu bringen?

  • Inspiriert es mich durch Schönheit und Tiefe?

  • Bringt es mich dem näher, was ich wirklich brauche?

 

Um Lebendiges zu achten, zu schützen und zu erhalten:

  • Gönne dir regelmäßige und bewusste Auszeiten vom Handy.

  • Gehe regelmäßig und ausgiebig in die Natur. Fühle, rieche, lausche, nimm alles wahr.

  • Triff dich mit echten Menschen, statt im Chat zu phantasieren.

  • Lies ein echtes Buch, geh ins Theater, besuche Konzerte.
  • Erschaffe oder gestalte etwas mit deinen Händen und haptischen Materialien.
  • Pflege einen Garten, pflanze Blumen.
  • Schule deine Intuition und überprüfe, ob sie sich bewahrheitet.
  • Beobachte, wann du zum Handy greifst und warum.

  • Versuche die Stille auszuhalten, die entsteht, wenn du nichts tust. Und dehne diese Momente aus, wenn du kannst.

  • Nimm dir jeden Tag etwas Zeit, um deine Sinne bewusst wahrzunehmen. Sehen, hören, riechen, schmecken, tasten. Genieße, dass und was du wahrnimmst.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Achtsamkeit und die Liebe zum Leben in diesen herausfordernden Zeiten.

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Markus (Sonntag, 25 Januar 2026 09:33)

    Liebe Frauke,
    danke, dass Du Dich diesem Thema auf so einfühlsame Weise annimmst.
    Meine Empfehlung ist, gar kein Smartphone zu benutzen, sondern ein altes Handy mit dem man einfach nur telefonieren kann :-)
    Herzlichst
    Markus

  • #2

    Monika (Sonntag, 25 Januar 2026 09:45)

    Wunderbare, nachdenkliche, gut beobachtetes Menschenverhalten in klare Worte gefasst ....danke liebe Frauke ��

  • #3

    Birgit Maniscalco (Sonntag, 25 Januar 2026 10:49)

    Abstumpfung ist das Resultat!
    Deshalb "berührt" es nur selten
    Ich kann in die Kunst abtauchen darüber bin ich glücklich, danke Frauke für deine nachdenken Impulse